Mittwoch, 24. April 2013

Kleidung in Japan

Da ich immer wieder in Foren, bei YouTube etc. ganz bestimmte Äußerungen lese möchte ich hiermit einen ausführlichen Beitrag zu folgendem Thema erstellen:

Kleidung in Japan

"Die Japaner sind viel cooler und trauen sich was mit ihrer Kleidung!"
"Alle japanischen Mädchen laufen in rosa Kleidchen rum!"
"In Japan ist es noch normal traditionelle Kleidung, wie z.B. Kimonos, zu tragen!"
"Japanische Teenager tragen geile Cosplay Kostüme!"
"Ich will nach Japan, denn da kann man so rumlaufen wie man will!"

All diese Aussagen sind mehr oder weniger falsch! Wieso wird im Folgenden deutlich. 

Alle Personen, die ich hier mit Gesicht abbilde haben extra für euch posiert, bzw. wissen, dass ihr Foto hier gezeigt wird. Dies ist mir sehr wichtig. Versteht deshalb bitte, wenn ich manche Fotos zensiere. Nicht jeder mag sich im Internet wieder finden...

Erstmal zur Arbeitskleidung:
Wenn man morgens zur Arbeit fährt oder auch Nachmittags unterwegs ist sieht man eine Flut von schwarz. Nein, nicht die Haare (ok, die auch...), sondern die Anzüge und Kostüme. Alle, die in einer Firma angestellt sind, egal ob Kundenkontakt oder nicht, tragen diese Arbeitsuniform. Nichts mit casual friday... 

 
Schlafen oder daddeln, das sind die Optionen für die lange Fahrt zur Arbeit und zurück...

Das Standardkostüm für die Firmenangestellte, also meist unverheiratet...

Auch diejenigen, die nicht in einer Firma arbeiten (meist im Einzelhandel tätig) tragen meist Uniform. Ob Supermarktuniform, Postuniform, Bauhausuniform, Restaurantuniform, usw. ...
Und natürlich tragen die Kindergarten- und Schulkinder auch Uniformen. Jede Schule hat ihren eigenen Stil.


Ihr seht: Es geht um Zugehörigkeiten. Diese Uniformen zeigen ganz klar zu wem man gehört. Denn da ist man stolz drauf. Die Japaner denken nicht auf ein Individuum bezogen, sondern immer in Gruppen. Man startet in der Familiengruppe, dann kommt die Kindergartengruppe, später die Schulklasse dazu. Dann definiert man sich über die Uni, an die man geht und  letztendlich ist es dann die Firma, die als zweite Familie angesehen wird. Deshalb ist man stolz eine Firmenuniform zu tragen. Und wenn es nur der Anzug mit farblich zur Firma passender Krawatte ist.

Da der Durchschnittsjapaner (wohlgemerkt Fokus auf dem männlichen Geschlecht!) die meiste Zeit auf der Arbeit verbringt ist seine Arbeitskleidung seine Alltagskleidung und man sieht die Arbeitskleidung am Häufigsten auf der Straße.

Wieso habe ich nun einen Fokus auf die Männer gelegt?
In Japan ist es immer noch so, auch wenn sich dies laaaaaangsam ändert, dass die Frau Zuhause bleibt und sich um den Haushalt und die Kinder kümmert und der Mann arbeiten geht. Die Frauen haben dabei irgendwie auch eine Art Hausfrauenstil entwickelt, also quasi auch eine Uniform. Bloß nicht zu schick, gemütlich und immer mit einer Schürze an, damit es bloß nicht so aussieht, als ob man es wagen würde mal 5 Minuten Pause zu machen. Das Erste was meine Gastmama macht, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt: Sie zieht ihre Schürze an und fängt an Hausarbeiten zu erledigen. Wenn die Männer nach Hause kommen wird schnell der Anzug ausgezogen und in die schlabberigsten und gemütlichsten Klamotten geschlüpft, die auffindbar sind. So wird gleich deutlich: Zuhause ist Wohlfühl- und Entspannungszone!   

Das bringt mich zur Freizeitkleidung:
Diese ist nicht etwa "voll verrückt" oder "total individuell", sondern einfach einfach. Heißt: Schlichte, dezente und fast spießige Kleidung dominiert das Straßenbild. Ich spreche hier gerade natürlich von Japan, nicht von Tokyo oder gar Shibuya, das ist ein Unterschied und kommt gleich!!! Die ganz normalen Japaner, ob jung oder alt, mögen es schlicht, aber gepflegt. Alle sehen immer so aus, als ob sie frisch vom Frisör kommen oder gerade shoppen waren. Die Kleidung ist neu, schick aber auf keinen Fall auffällig. Dezent ist das Schlagwort  

Einzig eins ist sehr auffällig: Die jungen Frauen lieben es kurze Röcke anzuziehen. Und damit meine ich WIRKLICH kurze Röcke. Ich fühle mich in der Bahn manchmal wie beim Frauenarzt, meine Güte! Die Schulmädchen üben dies schon mit ihrer Schuluniform, da wird der knielange Rock nämlich einfach hochgekrempelt (s. oben). Dekolleté wird eher gar nicht gezeigt, vielleicht liegt es daran, dass dort selten viel zu präsentieren ist. Die dünnen, langen (Japaner werden durch umgestellte Ernährung langsam größer!) Beine werden hingegen gern zur Schau gestellt.







Natürlich gibt es auch im Freizeitbereich Uniformen, z.B. Baseballklamotten, Bogenschießoutfit oder gar der klassische Kimono. 

Auf dem Weg zum Bogenschießen...
 Wieso Kimono als Uniform? Ganz einfach: Der Kimono wird kaum noch getragen. Einmal ist er und das ganze Zubehör extrem teuer, dann muss man Unterricht nehmen wie man ihn korrekt anlegt und verschiedene Techniken lernen und so ist das Thema sehr komplex. Allerdings sieht man immer mal wieder ältere Damen im Kimono in der Bahn sitzen. Sie tragen ihren Kimono aber keinesfalls, weil sie morgens Lust dazu hatten, sondern weil sie auf dem Weg zum Unterricht sind. Entweder Kimonounterricht oder Teezeremonieunterricht oder auch Kotounterricht (Video eines Kotokonzerts). Diese traditionellen Hobbies werden meist im Kimono durchgeführt. Da aber kaum junge Japanerinnen diese Künste lernen gibt es im Freizeitbereich kaum Anlässe einen Kimono zu tragen. Anders verhält es sich mit Yukatas. Die schlichtere Variante wird gern bei Sommerfesten oder ähnlichem getragen, auch von jungen Japanerinnen. 

Kein Alltagsbild!


Kleidung für besondere Anlässe:
Ich habe eben geschrieben, dass Kimono im Freizeitbereich selten getragen werden. Natürlich verhält sich dies ganz anders, wenn es besondere Anlässe gibt.  

Zu Hochzeiten tragen die weiblichen Gäste z.B. häufig schwarze Kimonos mit wunderschönen Bildern unten am Beinende. Wie ich in meinem Blogeintrag zu japanischen Hochzeiten schon beschrieben habe werden hier meist zwei Outfits für das Brautpaar gekauft: Ein traditionelles und ein modern/westliches. Hier könnt ihr die Bilder dazu ansehen.

Ein weiterer Anlass sich richtig aufzudonnern ist die Abschlussfeier der Oberschule oder später der Uni. Vor einer Weile war die Zeit so weit und überall sah man junge Mädchen in Hakama. Eine junge Dame faszinierte mich besonders, nicht nur wegen des schönen Hakama, sondern auch bzgl. der Kombi mit ihren Schuhen. Sie war so lieb für ein Foto für euch zu posieren:

 
 Aber wiegesagt dies sind Kleidungen für besondere Anlässe und dementsprechend selten sieht man sie. Übrigens werden die Hakama oder auch Kimono für Hochzeiten meist geliehen und nicht gekauft. Dies wäre einfach zu teuer für einen Tag.

Und nun, dass worauf ihr gewartet habt: Tokyofashion
Die Kleidung in Tokyo, speziell in Shibuya und Harajuku, ist extrem unterschiedlich und facettenreich. Man sieht Menschen mit Kleidung, die man in Deutschland nie sehen würde. Als Touri ist man baff und nimmt mit: Die Japaner trauen sich richtig was und leben ihre Kreativität aus. Die Gesellschaft scheint diese kreative Mode absolut zu tolerieren und gar zu Unterstützen (durch diverse Shops, etc.). Und da fängt das Problem an: Dies ist einfach ein kulturelles Missverständnis unsererseits. Wir verstehen einen Punkt daran nicht: Die Jungs und Mädels, die in Shibuya und Harajuku so völlig anders herumlaufen sehen in ihrem Alltag genauso aus wie alle anderen

Ihr Modestil hat nur Platz in einer begrenzten Zeit (meist ein Tag am Wochenende), einem begrenzten Ort (Raum Shibuya/Harajuku) und in einem bestimmten sozialen Umfeld (mit Freunden, die sich genauso anziehen). 

Ihr seht: Hier geht es nicht darum seinen Alltag möglichst kreativ zu gestalten und dies durch Mode zu transportieren, sondern es geht ganz einfach um ein Ausbrechen aus den gesellschaftlichen Konventionen, die in Japan überall spürbar sind. Es gibt extrem wenige dieser kreativ angezogenen Menschen, die jeden Tag diese Klamotten tragen. Und die, die es gibt haben ihr ganzes Leben diesem Stil verschrieben und arbeiten z.B. in Läden, die diese Mode verkaufen. An einen "normalen" Job würden sie nicht rankommen, denn wer anders ist und sich nicht anpasst ist in Japan sehr schnell Außenseiter und wird gemieden. 

Was macht man also, wenn man auf keinen Fall Ausenseiter sein will? Man bildet Gruppen! Und so ist bei näherer Betrachtung die Mode in Shibuya und Harajuku überhaupt nicht individuell und einzigartig, sondern kann klar in verschiedene Gruppierungen eingeordnet werden, die nochmal zig verschiedene Untergruppierungen haben. Einige werde ich euch nun vorstellen:

Einerseits gibt es die Lolitas. Das sind die Mädchen in rosa Bonbonkleidern, Lockenperücken und großen Augen. Aber auch hier gibts diverse Unterschiede. Es gibt z.B. auch Gothic Lolitas und mir wurde gesagt ich bin eine Classic Lolita. ^-^
Hier ein Paradebeispiel einer Lolita:
http://24.media.tumblr.com/2a51a3e415570aa71a0e15ee2c6f24ac/tumblr_mhgll5kVxT1s4wn8so1_500.jpg
 Dieses nette Mädchen stellte sich auch für mein kleines Fotoprojekt zur Verfügung. Sie kommt aus der Gothicecke:


Dann haben wir noch die punkige Gruppierung. Viel Farbe, viel Neon, immer lässig. So wie diese Gruppe, die dann doch ein wenig schüchtern war. Das linke Mädchen wollte gern ihren Stil zeigen, aber nicht ihr Gesicht zeigen. Das ist üblich in Japan (z.B. im Fernsehen), denn wie schon beschrieben: Diese Mode ist nur für diesen Ort gedacht (und die Haarfarbe wird abends ausgewaschen)... 



Und wem der dunkle Teint der Dame ganz rechts aufgefallen ist: Dies ist tatsächlich etwas Besonderes in Japan, denn normalerweise gilt: Weiß, weiß, weiß, um jeden Preis! Nicht so bei der folgenden Gruppe: Die Gyarus! Kommt vom englischen girl (nur japanisch ausgesprochen) und meint die Damen, die die raren Solarien hier täglich bevölkern, ihre Haare gern blondieren und toupieren und viel Geld in Nagelmodellage stecken. Diejenigen, die besonderen Wert auf die dunkle Haut legen nennt man kurogyarus (kuro:schwarz). Hier mal ein kleines Video dazu:

 
Und eine ganz kleine Minigruppierung (shiori) will genau das Gegenteil, nämlich besonders weiße Haut:


Ihr seht: Es ist ein sehr komplexes Thema. Aber es sollte deutlich geworden sein, dass diese außergewöhnliche und überaus kreative Mode keineswegs Alltag in Japan ist und eher eine Art Performancekunst darstellt. Ich liebe diese Performance sehr und mag es mich einfach abseits zu setzen und all diese kreative Flut zu begutachten.

Achja, eine Aussage von oben ist nicht klargestellt: Die Cosplay Kostüme. Ich habe in meinen 2 1/2 Monaten hier keine einzige Person in einem Cosplay Kostüm außerhalb eines Ladens gesehen!!! Auch nicht in Harajuku oder sonstwo!! Das Klischee, dass hier "voll viele so runlaufen" ist definitiv falsch. Ja, es gibt Läden für die Kostüme. Aber auch hier gilt: Die wenigen, die sich diese kaufen ziehen diese nur an passenden Orten an (z.B. Conventions oder bei großen Treffen von Cosplayern in Tokyo). 

Du verstehst nur Bahnhof? Entschuldige! Cosplay bedeutet ein Kostüm aus einer Animeserie oder einem Manga genauestens nachnähen/teuer einkaufen und dann seinem Helden möglichst ähnlich aussehen.
 
Also NEIN, ihr werdet in Japan keine Sailor Moon im Supermarkt treffen!!! ^-^

Und merken: Japan ist nicht Tokyo, besonders wenn es um Mode geht... ;-)
 

Welchen Modestil würdest du gern mal ausprobieren?

Eure Kirschblütenfee 

Kommentare:

  1. Sehr informativ! Habs mir zwar schon fast gedacht, trotzdem ist es nochmals was anderes, wenn jemand so ausführlich darüber berichtet mit Anschauungsmaterial. ;) Kann mir gut vorstellen, dass das sehr inspirierend und auch ein Genuss fürs Auge ist, dem Bunten Treiben einfach mal zuzuschauen. :)

    Liebe Grüsse
    Rebecca

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Auja, ich habe hier Inspiration am laufenden Band. Ich kann es einfach nicht mehr abwarten den Shop neu zu bestücken! =D

      Liebe Grüße!
      Die Kirschblütenfee

      Löschen
  2. Oh ein wirklich toller und informativer Bericht. Vielen lieben Dank; auch für die Fotos. Wahrscheinlich ist es eine Wohltat für die Augen, auch mal farbenfrohe Kleidung abseits der normalen Arbeitsuniformen zu sehen. Also kann ich mir zumindest vorstellen. Gleichzeitig erscheint es fast so wie zwei unterschiedliche Welten. Aber genau das macht sicherlich den Reiz aus. Auf der einen Seite der normale Alltag und dann auf der anderen Seite im Raum Shibuya/Harajuku das tooootale Gegenteil. Find ich aber toll!

    Grußi
    Diana

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Du hast es genau erfasst! Dieses Ausbrechen aus dem Alltagsgrau, auch wenn es nur kurz ist, ist inspirierend. Die Menschen nutzen die weniger Freizeit um sich komplett auszuleben. Sehr faszinierend.

      Liebe Grüße,
      Die Kirschblütenfee

      Löschen
  3. hallo,
    wieder ein super intressanter bericht.
    also ich finde die lolitas oder die goth lolitas total cool und würde auch so gerne rumlaufen hab aber leider nicht so die figur dafür. ich freue mich schon auf deinen nächsten bericht.
    lg.janine

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach, zu jeder Figur gibt es das Passende! Ich bin ja auch etwas breiter gebaut und finde, dass taillierte Kleider mit weitem Petticoatrock und kräftigen Farben meine Figur schön betonen und so mag ich mich einfach sehr gern sehen. Rosa Bonbonkleid hingegen wäre nicht so doll, da ich damit wahrscheinlich wie ein kleines Schweinchen aussehen würde... ^-^

      Solidarische Grüße,
      Die Kirschblütenfee

      Löschen