Montag, 11. März 2013

Stille in Japan

 Stille in Japan

Heute ist der 11.03 und wenn die Japaner über "san sen ichi ichi" (drei punkt eins eins) reden, weiß jeder sofort was gemeint ist. Es schwebte den ganzen Tag eine fast greifbare Bedrückung um uns herum, welche um viertel vor 3 seinen Höhepunkt erreichte.

Ich saß zu diesem Zeitpunkt in der U Bahn und war auf dem Weg nach Hause. Immer wieder schauten wir alle auf die Uhr und wussten, was gleich geschehen würde. Wir alle hingen unseren Gedanken nach und schon lange vor viertel vor drei herrschte Ruhe im Abteil. Jeder hat seine ganz eigene Geschichte, die zu diesem Tag gehört. 

Ich war an diesem Tag in Japan und habe die Macht der Natur deutlich gespürt. Da wir ganz oben in einem Hochhaus wohnen (welche stark mitschwingen) flogen Dinge um mich herum und inmitten den Chaos war ich ganz allein und dachte, dass ich nun sterben müsste. Natürlich war es für mich nicht so schlimm, ich war bei Tokyo und die Häuser hier sind erdbebensicher gebaut (auch wenn ich das damals noch nicht wusste). 

Die tausenden Menschen die durch die Flutwelle gestorben sind und vorallem deren Familien gedenke ich heute. In Deutschland geht es an diesem Tag vor allem um Fukushima. Dies ist hier auch Thema, aber im Vordergrund stehen die Geschichten  der Menschen, die Angehörige verloren haben. Dies finde ich auch richtig so.

Ich saß also in der U Bahn und fühlte mich mit allen Insassen verbunden durch unsere gemeinsame Anteilnahme. Um viertel vor drei stoppten dann alle Bahnen und Busse und es wurde eine Ansprache von der Bahngesellschaft gehalten. Dann gab es eine Schweigeminute. Wir senkten gemeinsam die Köpfe, falteten die Hände und Japan stand still.

Solch eine Stille habe ich in Japan nie erlebt. Sogar die zwei Kleinkinder und ein behinderter Junge, der vorher durchgehend mit sich selbst geredet hatte, schwiegen und wir alle hingen unseren eigenen und den Geschichten der anderen nach. Einige verhaltene Tränen rannen über die Wangen. Es war ergreifend. Das Gefühl von vor zwei Jahren, gemeinsam etwas Weltbewegendes erlebt zu haben und dadurch ewig verbunden zu sein, schimmerte wieder durch.

Auch als die Bahnen wieder fuhren und ich in den Bus stieg war die Stille noch allgegenwärtig. Keiner sagte etwas, keiner raschelte mit Tüten, alle blickten ins Leere und hingen ihren Gedanken nach.

Und der Himmel scheint hellblau, die Knospen treiben und die Vögel zwitschern. Die Zeit fließt durch unsere Hände und anstatt unsere Kraft dafür aufzuwenden uns gegen sie zu stemmen sollten wir uns mittreiben lassen. Aber ab und an lässt ein Blick zurück das Kommende noch heller scheinen. 

Eure Kirschblütenfee


Kommentare:

  1. Auch wenn inzwischen zwei Jahre vergangen sind, ist es immer noch so unbegreiflich für mich und ich bin auch schon den ganzen Tag ziemlich betrübt. Ich finde es sehr schade, dass mit 3.11 hier in Deutschland fast nur mit Fukushima verbunden wird. Auch ich denke heute an die Menschen, die gestorben sind und durch den Tsunami ihr Zuhause verloren haben.

    Nächstes Jahr werde ich den Jahrestag auch in Japan erleben. Irgendwie betrügt es mich jetzt schon ein wenig...

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    1. Liebe Yoko-chan,

      Danke für deine Worte. Ich versuche nach vorne zu schauen und den Blick nach hinten an diesem Tag (also gestern) ganz viel Raum zu geben. So gerät es nicht in Vergessenheit, aber dennoch ist Fortschritt möglich.

      Die Japaner sind darin sehr gut. Kontinuierlich weitermachen ist die Devise. Bestimmte Tempel (oder Schreine? ich bin mir gerade nicht sicher, ob Shinto oder Buddhismus...) werden ja auch immer wieder abgerissen und neu aufgebaut.

      Liebe Grüße!
      Die Kirschblütenfee

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